Karbener LiteraturTreff e.V.
Bericht vom 27. November 2016
Nachlese zur Frankfurter Buchmesse
Ort: KUHtelier, Groß Karben
Zeit: 19.05 - 21:15 Uhr
Anwesende: ca.24 Personen
Im Jahresprogramm 2016, unter den Programmpunkt
"Nachlese zur Frankfurter Buchmesse" stand der letzte Literaturabend in diesem Jahr,
im KUHtelier Groß Karben, des Karbener LiteraturTreff e.V.,
Das literarische Forum für Karben.
Verantwortlich für Planung, Organisation und Gestaltung zeichneten die beiden
Akteure des Abends, Renate Gasser und Fritz Böhner.
Nach einfühlsamen, zarten Harfenklängen gespielt von Beate Hoffarth-Rittinger
führten Renate Gasser und Fritz Böhner sachkundig in Wechselrede in das Thema
ein. Es sollten 4 Autoren mit jeweils einem aktuellen Werk vorgestellt werden.
Sie widmeten sich Carolin Emcke, mit "Gegen den Hass"; Bodo Kirchhoff, mit
"Widerfahrnis"; Peter Stamm, mit "Weit übers Land" und Arnon Grünberg,
mit "Muttermale".
Kompetent und engagiert stellt Renate Gasser Carolin Emcke vor.
Die deutsche Autorin und Publizistin Carolin Emcke wurde am 18. August 1967 in
Mülheim an der Ruhr geboren. Sie wurde am 23. Oktober 2016 in der Frankfurter
Paulskirche mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Die
in Berlin lebende Publizistin fragt in ihrem neuen Buch, "Gegen den Hass", nicht
nach der sozialen Genese des Hasses. Vielmehr untersucht sie, in einzelnen
Fallstudien, die vielen gedanklichen Muster und Argumente, die zu solchen
Ereignissen wie in Clausnitz führen. Um dem Rassismus, Fanatismus und der
Demokratiefeindlichkeit zu begegnen, muss die Freiheit des Individuums geschützt
werden. Carolin Emckes vielschichtiger, kluger Essay ist mehr als nur eine
Ermunterung dazu.
Sie entwickelt im letzten Teil, in Anlehnung an Michel Foucault, den Gedanken
des sogenannten Wahrsprechens: eine Aufforderung, jenen dumpfen, verzerrenden,
verengenden Parolen von Hetzern jeglicher Couleur mutig zu widersprechen, mit
Worten, aber auch mit Gesten von Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft,
etwa für die Geflüchteten.
Es folgt Fritz Böhner mit der Vorstellung des Autors Bodo Kirchhoff. Der am
06.07. 1948 in Hamburg geborene, Bodo Kirchhoff, gewinnt mit "Widerfahrnis"
den "Deutschen Buchpreis 2016". Bodo Kirchhoff erzählt in seinem Roman
"Widerfahrnis" über die Liebe im Alter. Was melancholisch beginnt, wird
bald ein versiertes Roadmovie mit viel Nikotin.
Bei Reither, bis vor kurzem Verleger in einer Großstadt, nun in einem
idyllischen Tal am Alpenrand, eines abends klingelt es bei ihm. Und bereits
in derselben Nacht beginnt sein Widerfahrnis und führt ihn binnen drei Tagen
bis nach Sizilien. Die, die ihn an die Hand nimmt, ist Leonie Palm, zuletzt
Besitzerin eines Hutgeschäfts; sie hat ihren Laden geschlossen, weil es der
Zeit an Hutgesichtern fehlt, und er seinen Verlag dichtgemacht, weil es
zunehmend mehr Schreibende als Lesende gibt. Aber noch stärker verbindet
die beiden, dass sie nicht mehr auf die große Liebe vorbereitet zu sein scheinen.
Als dann nach drei Tagen im Auto am Mittelmeer das Glück über sie hereinbricht,
schließt sich ihnen ein Mädchen an, das kein Wort redet, nur da ist…
Bodo Kirchhoff erzählt in seiner großartigen Novelle von der Möglichkeit einer
Liebe sowie die Parabel von einem doppelten Sturz: in die Liebe, ohne
ausreichend lieben zu können, und in das Mitmenschliche, ohne ausreichend gut zu sein.
Nach einem "Zwischenspiel" mit bewegenden Harfenklängen gespielt von Beate
Hoffarth-Rittinger, stellt Fritz Böhner urteilssicher den Schweizer Autor
Peter Stamm vor. Peter Stamm wurde am 18. Januar 1963 in Scherzingen, Kanton
Thurgau geboren.
Der Schweizer erzählt in "Weit übers Land", wie ein Familienvater plötzlich
seine Familie verlässt. Thomas ist Angestellter in der Welt des herrschenden
Trotts: Er hat zwei Kinder, eine Ehefrau und ein Haus in einer Kleinstadt in
der Schweiz. Doch eines Tages, aus unerfindlichen Gründen, kommt der
Familienvater nicht mehr von der Arbeit zurück. Seine Ehefrau Astrid glaubt
anfangs noch an ein Versehen. Sie beruhigt die Kinder, gibt sich Antworten,
jongliert mit fadenscheinigen Erklärungen. Doch dann ist klar: Thomas ist
seinem Leben entflohen. Astrid, seine Frau, fragt sich zunächst, wohin er
gegangen ist, dann, wann er wiederkommt, schließlich, ob er noch lebt.
Pause und Besucherdiskussionen
Nach der Pause wird der niederländische Autor Arnon Grünberg gemeinsam von
Renate Gasser und Fritz Böhner einfühlsam vorgestellt. Arnon Grünberg, vielfach
ausgezeichneter Autor von Romanen, Gedichten, Kolumnen und Reportagen, ist einer
der bekanntesten niederländischen Autoren, dem Ehrengastland der Buchmesse.
Der 45-Jährige hat von jeher ein Faible für Figuren, die unfähig sind, das
eigene Leben voll zu ergreifen.
Die Hauptfigur seines aktuellen Romans "Muttermale" ist ein Psychiater. Otto
Kadoke arbeitet in einem Krisenzentrum und versucht Menschen vom Selbstmord
abzuhalten. Grünberg gelingen bestechend genaue Beschreibungen des komplexen
Therapeuten-Patienten-Verhältnisses. Der Psychiater Kadoke muss wieder zu Hause
einziehen, um seine Mutter zu pflegen. Sie hat etliche Konzentrationslager
überlebt und beschimpft ihren Sohn ständig, um ihn härter zu machen. Kadoke
nimmt die Erniedrigungen als ihre eigene Art von Zuneigung an.
In dem rasant-unterhaltsamen Roman hat Arnon Grünberg eine existenzielle
Verwicklung eingebaut. Die Mutter des Protagonisten Otto Kadoke ist längst
tot. Der Vater, der über den Verlust nicht hinwegkommen konnte, hat ihre Rolle
eingenommen. Und zwar ganz und gar. Er hat sich nicht nur Frauenkleider angezogen
und so äußerlich verwandelt, sondern sich komplett mit seiner toten Frau
identifiziert. Unter solchen Umständen aber ist es schwierig für Kadoke,
eine neue Pflegerin zu finden, die nicht gleich wieder die Flucht ergreift.
Er kommt auf die Idee eine Klientin, als Pflegekraft anzustellen.
Es schließen sich in Wechselrede kurze Hinweise auf weitere lesenswerte
Neuerscheinungen an.
Die sichtlich zufriedenen Besucher belohnten die Akteure des Abends mit
anhaltendem Applaus.
Am Ende des Abends konnte Dieter Körber (2.Vorsitzender) dem staunenden und
erfreuten Publikum mitteilen, dass es gelungen ist, den bedeutenden
zeitgenössischen Autor Bode Kirchhoff für eine Lesung, am 27.April 2017
im KUHtelier zu gewinnen.
Hans-Martin Thomas dankt den beiden Aktiven, die diesen Abend gestaltet haben
und Beate Hoffarth-Rittinger für ihr Harfenspiel.
Unser nächstes Treffen ist am 26. Januar 2017 um 19:00 Uhr im KUHtelier
zum Thema Siegfried Lenz.
Dieter Körber